Ein unerfüllter Kinderwunsch kann unglaublich belastend sein.
Monat für Monat die Hoffnung.
Dann wieder die Enttäuschung.
Und irgendwann beginnt die Suche nach dem Warum.
Natürlich gibt es viele mögliche Ursachen dafür, dass eine Schwangerschaft ausbleibt. Anatomische Veränderungen, genetische Faktoren oder Erkrankungen gehören ebenso medizinisch abgeklärt wie die Fruchtbarkeit beider Partner.
Doch daneben gibt es eine Frage, die ich besonders spannend finde:
Unter welchen biologischen Bedingungen versucht Dein Körper eigentlich, neues Leben entstehen zu lassen?
Denn eine Schwangerschaft benötigt weit mehr als eine Eizelle und ein Spermium.
Sie braucht funktionierende Zellen.
Energie.
Baustoffe.
Hormone.
Und einen Körper, der all das miteinander koordinieren kann.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim unerfüllten Kinderwunsch nicht nur danach zu suchen, was fehlt.
Sondern auch danach:
Was könnte den Körper ausbremsen?
Die üblichen Verdächtigen sind wichtig – aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte
Wer sich mit Kinderwunsch beschäftigt, begegnet ziemlich schnell den bekannten Empfehlungen.
Folsäure.
Jod.
Vitamin D.
Eisen.
Zink.
Selen.
Und weiteren Mikronährstoffen.
Das hat seine Berechtigung. Schließlich benötigt der Körper für Zellteilung, Hormonbildung und die Entwicklung eines Kindes zahlreiche Baustoffe und Cofaktoren.
Doch selbst wenn alle notwendigen Baustoffe vorhanden sind, bleibt eine entscheidende Frage offen:
Unter welchen Bedingungen arbeitet der gesamte Organismus?
Denn ein Haus entsteht nicht allein dadurch, dass genügend Ziegelsteine auf der Baustelle liegen.
Es braucht funktionierende Maschinen.
Energie.
Eine Bauleitung.
Und Bedingungen, unter denen überhaupt gebaut werden kann.
Kinderwunsch beginnt bei der Zelle
Eine Schwangerschaft beginnt mit zwei einzelnen Zellen.
Einer Eizelle.
Und einem Spermium.
Damit rückt etwas in den Mittelpunkt, worüber beim Kinderwunsch erstaunlich wenig gesprochen wird:
die Funktion unserer Zellen.
Jede Zelle ist von einer Zellmembran umgeben.
Doch diese Membran ist weit mehr als eine einfache Hülle.
Man könnte sie sogar als eine Art „Gehirn der Zelle“ bezeichnen.
Denn an ihrer Oberfläche wird mitentschieden, welche Stoffe hinein- und hinausgelangen, welche Signale wahrgenommen werden und wie die Zelle auf ihre Umgebung reagiert.
Und genau hier werden Fettsäuren interessant.
Omega-3-Fettsäuren sind wichtige Bestandteile unserer Zellmembranen und beeinflussen deren Eigenschaften. Gleichzeitig entstehen aus Fettsäuren Botenstoffe, die an der Regulation von Entzündungsprozessen beteiligt sind.
Omega-3 ist deshalb für mich beim Kinderwunsch nicht einfach nur „noch ein Nahrungsergänzungsmittel“.
Es verbindet zwei grundlegende Themen miteinander: Zellfunktion und Entzündungsregulation.
Entzündung – wenn der Körper ständig kleine Brände löschen muss
Entzündung ist grundsätzlich nichts Schlechtes.
Wir brauchen sie.
Wenn wir uns verletzen oder Krankheitserreger bekämpfen müssen, ist eine funktionierende Entzündungsreaktion lebenswichtig.
Problematisch wird es, wenn das Immunsystem dauerhaft auf niedriger Flamme aktiv ist.
Chronische Entzündungsprozesse können Stoffwechsel, Gefäßfunktion und zelluläre Signalwege beeinflussen. Auch reproduktive Prozesse laufen schließlich nicht unabhängig vom restlichen Körper ab.
Man könnte sagen:
Der Körper versucht, neues Leben aufzubauen, während an anderer Stelle permanent kleine Brände gelöscht werden müssen.
Und genau deshalb interessiert mich beim Kinderwunsch nicht nur, ob ausreichend Folsäure vorhanden ist.
Sondern auch, unter welchen entzündlichen Bedingungen Eizellen, Spermien und der gesamte Stoffwechsel arbeiten müssen.
Gerade Spermien sind beispielsweise empfindlich gegenüber oxidativem Stress.
Ein Kinderwunsch ist schließlich kein rein weibliches Stoffwechselproblem.
Neues Leben braucht Energie
Eine Schwangerschaft ist biologisch eine enorme Aufbauleistung.
Zellen teilen sich.
Gewebe entsteht.
Hormone und Botenstoffe werden gebildet.
Enzyme, Transportproteine und neue Zellstrukturen müssen hergestellt werden.
Und all das benötigt Energie.
Aminosäuren liefern dabei einen wichtigen Teil des Baumaterials. Aber Baumaterial allein baut noch nichts auf.
Der Körper benötigt Energie, um daraus neue Strukturen entstehen zu lassen.
Dabei geht es nicht einfach darum, möglichst viele Kalorien zu essen.
Sowohl eine dauerhaft zu geringe Energieverfügbarkeit als auch ungünstige Stoffwechselbedingungen durch Überernährung, viszerales Fett und Insulinresistenz können die hormonellen Voraussetzungen beeinflussen.
Entscheidend ist also nicht möglichst viel oder möglichst wenig Energie.
Entscheidend ist, ob der Körper ausreichend versorgt ist und diese Energie sinnvoll bereitstellen und verwerten kann.
Und jetzt kommt ein Punkt, dessen Tragweite leicht unterschätzt wird:
Proteine aufzubauen gehört zu den energieintensivsten Prozessen unserer Zellen.
Neues Leben ist Aufbau.
Und Aufbau kostet Energie.
Stress ist ein Abbausignal
Genau deshalb wird chronischer Stress beim Kinderwunsch so interessant.
Stress ist ein Abbausignal: Der Körper muss Energie verfügbar machen.
Cortisol unterstützt unter anderem dabei, Energieträger bereitzustellen.
Bei länger anhaltender Belastung können dafür auch Aminosäuren aus körpereigenem Protein mobilisiert werden. Die Leber kann aus diesen und anderen Ausgangsstoffen über die Gluconeogenese neue Glukose herstellen.
Der Körper greift also auf eigene Reserven zurück, um Energie bereitzustellen.
Der Stoffwechsel verschiebt seine Prioritäten.
Weg von:
Aufbauen. Speichern. Regenerieren.
Hin zu:
Energie mobilisieren. Durchhalten. Funktionieren.
Kurzfristig ist das genial.
Wenn wir vor einer Gefahr fliehen müssen, interessiert unseren Körper nicht, ob wir gerade optimale Bedingungen für Fortpflanzung schaffen.
Problematisch wird es, wenn aus diesem kurzfristigen Programm unser Alltag wird.
Denn Fortpflanzung benötigt genau die andere Richtung:
Aufbau. Zellteilung. Regeneration. Energie.
Und genau deshalb interessiert mich beim Kinderwunsch nicht nur, ob einzelne Hormone innerhalb ihrer Referenzbereiche liegen.
Sondern auch, in welchem Stoffwechselmilieu diese Hormone ihre Arbeit verrichten müssen.
Hormone sind die Sprache des Körpers
Unsere Hormone arbeiten schließlich nicht unabhängig von unserem Leben.
Schlaf.
Stress.
Energieverfügbarkeit.
Bewegung.
Insulinsensitivität.
Nährstoffversorgung.
All diese Faktoren beeinflussen die Bedingungen, unter denen unsere Hormonsysteme arbeiten.
Hormone sind deshalb nicht einfach isolierte Werte auf einem Laborblatt.
Sie sind auch Teil der Sprache, mit der unser Körper auf seine inneren und äußeren Bedingungen reagiert.
Gerade beim Kinderwunsch lohnt es sich deshalb, nicht ausschließlich auf einzelne Sexualhormone zu schauen.
Denn ihre Werte entstehen nicht losgelöst vom restlichen Stoffwechsel.
Magnesium – viel mehr als ein Mineral gegen Krämpfe
Magnesium kennen viele Menschen vor allem aus einem Zusammenhang:
Muskelkrämpfe.
Dabei wird seine Bedeutung damit gewaltig unterschätzt.
Magnesium ist an 80–90 Prozent der bekannten Stoffwechselprozesse direkt oder indirekt beteiligt. Mehr als 600 enzymatische Reaktionen sind inzwischen bekannt, bei denen Magnesium eine entscheidende Rolle spielt.
Das muss man sich einmal vor Augen führen:
Energiegewinnung. Proteinsynthese. Glukosestoffwechsel. Nervenfunktion.
Überall begegnen wir Magnesium.
Besonders deutlich wird seine Bedeutung bei der Energie.
ATP ist die Energiewährung unserer Zellen – und biologisch arbeitet ATP im Verbund mit Magnesium. Magnesium ist damit maßgeblich an den Prozessen beteiligt, über die unsere Zellen Energie bereitstellen und nutzen.
Und gleichzeitig sitzt Magnesium noch an einer zweiten entscheidenden Stelle:
unserem Nervensystem.
Vereinfacht könnte man Magnesium dort als eine Art Schalldämpfer im Gehirn bezeichnen.
Es trägt dazu bei, die Erregbarkeit unserer Nervenzellen zu regulieren und dem Nervensystem zu ermöglichen, wieder herunterzufahren.
Damit treffen bei Magnesium zwei zentrale Themen dieses Artikels unmittelbar aufeinander:
Energie und Stressregulation.
Plötzlich ist Magnesium weit mehr als „das Mineral gegen Wadenkrämpfe“.
Das macht Magnesium nicht zu einem Fruchtbarkeitsmittel.
Aber es zeigt sehr schön, warum eine gute Versorgung des gesamten Körpers mehr bedeutet, als nur die klassischen Kinderwunsch-Vitamine abzuhaken.
Und Vitamin C?
Auch Vitamin C kennen die meisten vor allem im Zusammenhang mit unserem Immunsystem.
Doch auch hier lohnt sich ein zweiter Blick.
Vitamin C gehört zu unseren antioxidativen Schutzsystemen und spielt gleichzeitig eine Rolle in der Stressphysiologie. Unter bestimmten Belastungsbedingungen kann eine ausreichende Versorgung auch die Cortisolreaktion beeinflussen.
Damit taucht derselbe Zusammenhang erneut auf:
Zellschutz. Stress. Regeneration.
Vitamin C ist deshalb nicht der große Hauptdarsteller dieses Artikels.
Aber ein schönes Beispiel dafür, wie eng die einzelnen Systeme unseres Körpers miteinander verbunden sind.
Kinderwunsch ist keine reine Frauensache
Bei all diesen Überlegungen darf ein Punkt nicht untergehen:
Für ein Kind braucht es zwei Seiten.
Beim Kinderwunsch richtet sich der Blick häufig sehr schnell auf die Frau.
Auf ihren Zyklus.
Ihre Hormone.
Ihre Eizellreserve.
Ihre Ernährung.
Doch die Qualität der Spermien wird ebenfalls von den Bedingungen beeinflusst, unter denen sie entstehen.
Oxidativer Stress, Rauchen, Alkohol, Stoffwechselgesundheit, Ernährung, Hitze und verschiedene weitere Faktoren können eine Rolle spielen.
Deshalb würde ich bei einem unerfüllten Kinderwunsch nie ausschließlich fragen:
„Was stimmt bei der Frau nicht?“
Sondern immer beide Seiten betrachten.
Denn für ein Kind braucht es zwei funktionierende biologische Systeme.
Was Dein Blut über mögliche Bremsen Deines Kinderwunsches verrät
Wenn eine Schwangerschaft ausbleibt, gibt es dafür nicht den einen Blutwert.
Aber Blutwerte können Hinweise darauf geben, unter welchen biologischen Bedingungen Dein Körper arbeitet.
Energieversorgung, Glukose- und Insulinregulation, Entzündungsstatus, Hormonsysteme sowie die Versorgung mit wichtigen Mikronährstoffen und Fettsäuren ergeben gemeinsam ein wesentlich umfassenderes Bild als ein einzelner Wert.
Kein Laborwert beantwortet dabei allein die Frage:
„Warum klappt es bei uns nicht?“
Aber gemeinsam können die Werte helfen zu verstehen, wie der Körper aktuell aufgestellt ist – und wo möglicherweise Bedingungen bestehen, die Aufbau, Regeneration und Fortpflanzung erschweren.
Vielleicht stellen wir die falsche Frage
Wenn sich ein Kinderwunsch nicht erfüllt, beginnt häufig eine lange Suche:
Welche Untersuchung können wir noch machen? Welche Pille, Behandlung oder Therapie könnte noch helfen?
Doch vielleicht lohnt sich irgendwann eine andere Frage:
„Warum schafft mein Körper etwas gerade nicht selbst, wofür er biologisch eigentlich vorgesehen ist?“
Und plötzlich verändert sich die Perspektive.
Dann geht es nicht mehr nur darum, was wir noch von außen hinzufügen können.
Sondern darum, unter welchen Bedingungen der Körper selbst arbeitet.
Denn Eizelle und Spermium, Hormone und schließlich neues Leben entstehen nicht unabhängig vom restlichen Körper.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb:
„Was braucht mein Körper, damit er selbst wieder möglichst gute Voraussetzungen für neues Leben schaffen kann?“